Wut

Angst vor scheinbar „meiner“ Wut

Als Vanessa noch auf der Suche war und voller Staunen gesehen wurde, dass die Energie der Wut, wie der nackte Geliebte ist, der einfach nur Dasein möchte.

Einerseits liebte ich die Wut, die bei mir erschien, sie ließ mich sehr lebendig sein. Sie räumte in einer Schnelligkeit auf, dass ich es nicht fassen konnte, wie kraftvoll, und konsequent schön sie war. Doch wenn – ICH in Wut – war und blind um mich schlug, verletzte ich mich und andere. Dann war danach Reue und Verzweiflung, oder auch Trotz. Die Wut schien etwas mit mir zu machen, und deshalb wollte ich mich einfach nicht schuldig fühlen! Und doch schien ich schuldig! Hm, und ich fühlte mich ihr immer wieder wie ausgeliefert. Sie kam wie aus heiterem Himmel! Und ich bekam Angst vor meiner blinden Wut. –

In den Selbsthilfegruppen war Wut etwas, was irgendwie quer stand zur Gelassenheit, die es anzustreben galt. – Da kamen dann Vorwürfe, aber auch Hinweise, wie: „du bist außer dir!“ Oh, Mann! Ganz schön schwierig schien das zu sein, Gelassenheit ! Das sah nach viel konzentrierter Arbeit aus! Was für eine Anstrengung! –

Okay. So bemühte ich mich mit Kissenklopfen oder Um- den- Block rennen, und jede leichte Erscheinung von Wut schon im Keim zu ersticken oder loszuwerden, doch dann kam sie klamm heimlich da hoch, wo es gar nicht hinpasste. Uff! Das war so verwirrend. Ich fühlte mich so hilflos! – Und dann las ich in einem Buch, in dem ein Vater seinem Sohn einen Rat gab: „Wenn du einen anderen Menschen vor Wut ermorden willst, – tu nichts – ! sondern warte 24 Stunden. Willst ihn dann immer noch ermorden, okay.“ – Hm? Nichts machen? Wie geht das? Es schien wohl besser die Wut zu unterdrücken und einzustufen, als: zu gefährlich! So gern wollte „ICH“ die Wut in den Griff bekommen, doch das schien aussichtslos. So entstand aus lauter Hilflosigkeit ein Gebet: Bitte hilf mir, denn ich komme mit der Wut nicht klar! –

Und eines Tages geschah folgendes: Oh je, da war wieder diese mordsmäßige Wut und das jetzt, wo ich die Nachtschicht bei einer blinden alten Frau antreten wollte.
Die blinde, alte Dame, die weit über neunzig Jahre war, liebte mich sehr – und ich sie auch. „Oh Gott, die alte Dame soll doch diese Wut nicht abbekommen!“ Und da war die verzweifelte Frage: „Was ich bloß mit dieser riesigen Wut?“ Die Feinfühligkeit dieser Blinden spürte diese Energie natürlich sofort, und ließ sich ohne Worte für die Nacht herrichten, und schlief schnell ein, oder sie tat zumindest so. – Nun saß ich auf dem Bett, das schräg neben dem Bett, der jetzt, hoffentlich, Schlafenden stand. Hm, da war Machtlosigkeit, nicht wissen, was zu ist mit dieser, für „mich“ so mächtigen, mordsmäßigen Wut. – Mir fiel es erst später auf, dass da so etwas wie ein leichter Abstand zu der Wut entstanden war. Ohne mir dessen bewusst zu sein, nannte ich sie nicht „meine“ Wut, sondern nur diese Wut. Erstanlich, dass genau das den Abstand entstehen liess. –

Mit einem Mal ging die Aufmerksamkeit, ohne „mein Zutun“, zu dieser Energie im Körper, – zum Kern dieses Gefühles – was einfach nur eine Energie war. Wow! (ohne Geschichte im Köpfchen.) Da war niemand, nur so was, wie von einer enorm starken Energie, die sich wie ein rasendes Feuer anfühlte. Ein Gefühl, als würde das Feuer, die Hülle des Körpers berstend, zerreißen. Es loderte prasselnd, und da war nur staunend Sehen, dass der Körper nicht zerriß. Ganz allmählich veränderte sich der Zustand so, als sei das Feuer nieder gebrannt. Es war nur noch als Glimmen im Beckenboden wahrzunehmen. – Doch das, was sich dann darin ereignete, ist kaum zu beschreiben: Je kleiner und kleiner diese Energie „der flammenden Wut“ wurde, desto mehr breitete sich diese Energie als Frieden aus, in dem dann eine unfassbare Liebe aufstieg. Fassungslos schlief ich damit ein…..

Von da an war immer wieder eine staunende, liebevolle Offenheit für Gefühle, die scheinbar sind und mit Angst einher kommen, von ihnen übermannt zu werden, und der Annahme, sie sind nicht auszuhalten, oder deutlicher, sie sind nicht Außen zu halten, was ja auch stimmt.
Ja, denn sie sind einfach so nahe, und liegen bei mir, wie, als sei es ihr Anliegen und meine Angelegenheit, sie Dasein zu lassen, ohne dass sie mir gehören – und seltsamerweise, ohne etwas mit ihnen zu <müssen>. –

Oh, Himmel, dieses Erkennen war so befreiend. Es fühlte sich an, wie ein lächelnder Tanz im Herzen, ein Tanz in tiefer Dankbarkeit.