Lebensgeschichte
Auf die Bitte mehrerer Freunde hin, ist hier letzt die Bereitschaft nochmals neu sich der Lebensgeschichte von scheinbar Vanessa
zuzuwenden.
Scheinbar geboren wurde Vanessa, die von ihrer Mutter auch Vanchen genannt wurde, am 3. April 1941 in Bremen.
(Und Vanessa nannte ihre Mutter gern Ma Hannchen.)
Vanessa war mit 20 Jahren (scheinbar) Ehefrau und dann Mutter von zwei Mädchen, Malerin, Kleiderentwerferin und Näherin, Kauffrau, Ausbildene (Lehrlinge) Werkzeugschleiferin, Kantinenpächterin, Yogalehrerin, Köchin, Hauswirtschafterin, Kontrolleurin, Gruppenleiterin in Yoga/Tantra- Seminaren. Floristin, Altenpflegehelferin, Kinderbetreuerin, Putzfrau, Sozialhilfeempfängerin, Rentnerin und letztendlich, so ein Witz, Nichts und doch Alles zugleich.
So, und nun etliche, kleine Begebenheiten aus der Erinnerung heraus geschrieben:
Es war Krieg, doch nicht immer, würde Vanchen sagen. Ihr Papa war im Krieg gefallen – und vom neuen Papa und von Mama hatte sie ein kleines Schwesterchen bekommen. Sie hieß Christel.
Vanchen spielte oft hingebungsvoll und erfinderisch mit Blumen und Allem ringsum, was der neuen Oma gar nicht gefiel, doch da kam immer wieder die Mama.
Als kleines gesundes Kind, so erzählte ihr Ma Hannchen, war sie auffallend oft in tiefer Ruhe, was auch hier in der Erinnerung geblieben ist.
Manchmal während des Spielens waren plötzlich die Sirenen zu hören. Ihr war bekannt, dass nun alle den Luftschutzkeller aufsuchen sollten. Doch irgendwie hatte man uns Kinder vergessen. Ohne darüber nachzudenken lief Vanchen – unter dem Brüllen sehr tief fliegender Flugzeuge und dem Geräusch von Einschlägen ringsum, ganz ruhig ins Haus, nahm das Schwesterchen auf den Arm und ging über einen großen Platzt in Richtung Luftschutzkeller.
Aus dem Spielen herausgerissen erlebte Vanchen, Tage später, wie Ma Hannchen von vielen Männern vergewaltigt wurde, wie Ma Hannchen im Blut lag, nachdem ein Mann ihre beiden Beine durchschossen hatte. Es erlebte Energien von Gewalt ohne das Wort dazu zu kennen; das Zusammenziehen und das Ausdehnen, den ganzen Wirbel von schnellen und langsamen Bewegungen darin und es war nur fähig zuzuschauen. Das Köpfchen konnte damit nichts – machen. Vanchen war einfach sprachlos und fassungslos still. –
Es erlebte was es heißt, zu hungern, mit allen Fassetten, auch wie es sich anfühlte, wenn der Geruch von Äpfeln, die auf dem Schlafzimmerschrank lagen, im Bauch landete und sich darin ausbreitete, so dass es sich anfühlte wie köstliche Fülle, was sie lächelnd einschlafen ließ. –
Und es hüpfte vor Freude und sang, wenn es Ma Hannchen heimlich im Krankenhaus besucht hatte.
Später erlebte es, wie Ma Hannchen immer wieder vor Schmerzen in Ohnmacht fiel und wie die kleinen Hände einfach den Kopf von ihr hielten oder sich auf ihren Brustkorb legten – sonst nichts. –
Und als Vanchen von einer fremden Frau ein Butterbrot geschenkt bekam, nahm sie es, wie einen köstlichen Schatz, ehe sie es wagte hinein zu beißen.
Später, auf der Flucht aus Berlin in den Westen Deutschlands, in den überfüllten Zügen, wurden Ma Hannchen, Christel, das Schwesterchen und Vanchen auf den letzten Waggon hinauf gehoben. Und als der Zug anfuhr hörte Vanchen einen gellenden Schrei! - Erschrocken wandte sie sich dem zu, und sah wie eine Frau auf den Gleisen lag.
In dem Moment spürte sie ganz zart die Hand von Ma Hannchen auf ihren Augen und hörte sie sagen: „Es ist nichts. Es ist nichts. Es ist nichts.“ und in dieser Energie von Erschrockensein und der zarten Hand, so wie dieser Worte, entspannte sich alles in dem tiefen Wissen, dass das was Ma Hannchen sagte, wahr ist, ohne es verstehen zu müssen, und dennoch war da ein tiefes mitfühlen mit dem, was bei Ma Hannchen war, ebenso wie bei der Frau auf den Gleisen.
Für den kleinen Körper, der immer schwächer geworden war vom vielen Hungern und so vielen un- oder schwerverdaulichen Geschehnissen, war das wahrscheinlich zu viel.
Er erkrankte an Lungen- und Bauchspeicheldrüsen- Tuberkulose.
Später, nach etwa einem Jahr Isolation in einem Krankenhaus, sie war etwa fünfeinhalb Jahre alt, geschah, während die Ärzte von ihr, als einem hoffnungslosen Fall sprachen, ein Losgelöstsein vom Körper,
ein Gewahrsein mit Staunen darüber, dass alles vollkommen eins war, durchlässig, ähnlich, wie im tiefen Wasser, das alles zu verbinden schien; ein Zustand von unbeschreiblicher Freiheit, tiefstem Frieden und Licht.
Als ein Arzt sich zu dem zarten Körper setzte und diesen behutsam in den Arm nahm, geschah ein bewusstes Zurückkehren in den Körper.
Dieses Zurückkehren empfand sie nicht als ein „Ich bin zurückgekehrt“, denn es war kein Irgendwohingehen geschehen.
Da war bewusst Sehen, dass das, was sie Vanchen nannte nicht der Körper ist.
2. Juni 2011 ES schrieb. Und jetzt wird es plötzlich schwer weiter zu schreiben. „Ich“ kann selbst die schönsten Wünsche oder Bitten nicht erfüllen, wenn es das Leben selbst nicht will.
Wenn du mehr über das Leben von scheinbar Vanessa wissen möchtest, siehe hier: Sucht oder die Suche, sowie Seite/ Satsang Seite/ Mitspielen Seite/ Ein Geschehen