Lebensgeschichte

Teil der Lebensgeschichte: - Krieg und Flucht -
                                                                    
Auf die Bitte mehrerer Freunde hin, ist hier jetzt die Bereitschaft nochmals neu sich der Lebensgeschichte von scheinbar Vanessa zuzuwenden. - Was für ein Lebensspiel -
ein göttliches Lebensspiel, ein Theater; scheinbar dramatisch, scheinbar traumatisch; doch grad ein kleines Kind vergisst im Spielen sehr schnell, was vorher gespielt wurde, doch erstaunlicher Weise nicht der Körper. - Und wenn vor allem gesehen wird, dass Das, was du wirklich bist - nicht davon berührt ist - was dann ist, ist Staunen. - Also ohne Geschichte ist da nichts; ist da gegenwärtig einfach sein; das zu entdecken ist ein Fest. -

Und nun zur Geschichte: Scheinbar geboren wurde Vanessa, die von ihrer Mutter auch Vanchen genannt wurde, am 3. April 1941 um 14,05 Uhr  in Bremen.
(Und Vanessa nannte ihre Mutter gern Ma Hannchen.)

Vanessa war mit 20 Jahren (scheinbar) Ehefrau und dann Mutter von zwei Mädchen, Malerin, Kleiderentwerferin und Näherin. Nach dreijähiger Ausbildung zur Kauffrau, im Bereich der Orthopädie,  Ausbildene. Werkzeugschleiferin, Kantinenpächterin, Yogalehrerin, Köchin, Hauswirtschafterin, Kontrolleurin. Dreijährige Ausbildung in Tantrischer-  Körper/Energie- Arbeit, Gruppenleiterin in Yoga/Tantra- Seminaren. Floristin, Altenpflegehelferin, Kinderbetreuerin, Putzfrau, Sozialhilfeempfängerin, Rentnerin und letztendlich, so ein Witz, Nichts und doch Alles zugleich.

So, und nun etliche, kleine Begebenheiten aus der Erinnerung heraus geschrieben:
Es war Krieg, doch nicht immer, würde Vanchen sagen. Ihr Papa war im Krieg gefallen – und vom neuen Papa und von Ma Hannchen hatte sie ein kleines Schwesterchen bekommen. Sie hieß Christel.
Vanchen lachte und sang spielend oft hingebungsvoll und erfinderisch mit Blumen und Allem ringsum, was der neuen Oma gar nicht gefiel, doch da kam immer wieder Ma Hannchen - und alles war OK. -

Und Manchmal während des Spielens waren plötzlich die Sirenen zu hören. Ihr war bekannt, dass nun alle den Luftschutzkeller aufsuchen sollten. Doch irgendwie hatte man uns Kinder vergessen. Ohne darüber nachzudenken lief Vanchen – unter dem Brüllen sehr tief fliegender Flugzeuge und dem Geräusch von Einschlägen ringsum, ganz ruhig ins Haus, nahm das Schwesterchen auf den Arm und ging über einen großen Platzt in Richtung Luftschutzkeller. Das gehörte eben alles dazu.

Doch aus dem Spielen herausgerissen erlebte Vanchen, Tage später, wie Ma Hannchen von vielen Männern vergewaltigt wurde, wie Ma Hannchen im Blut lag, nachdem ein Mann ihre beiden Beine durchschossen hatte. Es erlebte Energien von Gewalt ohne das Wort dazu zu kennen; das Zusammenziehen und das Ausdehnen, den ganzen Wirbel von schnellen und langsamen Bewegungen darin und  es war nur fähig zuzuschauen. Das Köpfchen konnte das alles nicht einordnen. Vanchen war einfach sprachlos und fassungslos still. –

Es erlebte was es heißt, zu hungern, mit allen Fassetten, auch wie es sich anfühlte, wenn der Geruch von Äpfeln, die auf dem Schlafzimmerschrank lagen, im Bauch landete und sich darin ausbreitete, so dass es sich anfühlte wie köstliche Fülle, was sie lächelnd einschlafen ließ. –

Und es hüpfte vor Freude und sang, wenn es Ma Hannchen heimlich im Krankenhaus besucht hatte.

Später erlebte es, wie Ma Hannchen immer wieder vor Schmerzen in Ohnmacht fiel und wie die kleinen Hände einfach den Kopf von ihr hielten oder sich die Hände auf ihren Brustkorb legten – sonst nichts, als einfach nur da sein. - 

Und als Vanchen von einer fremden Frau ein Butterbrot geschenkt bekam, nahm sie es, wie einen köstlichen Schatz, ehe sie es wagte hinein zu beißen, und dann aß das Brot - der Hunger.

Später, auf der Flucht in den Westen Deutschlands, durfte sie auf einem offenen eiskalten Anhänger mit Stroh nicht reden. Und dann in den überfüllten Zügen, wurden Ma Hannchen, Christel, das Schwesterchen und Vanchen auf den letzten Waggon hinauf gehoben. Und als der Zug anfuhr hörte Vanchen einen gellenden Schrei! - Erschrocken wandte sie sich dem zu, und sah wie eine Frau, blutend ohne Beine, auf den Gleisen lag. -

In dem Moment spürte sie ganz zart die Hand von Ma Hannchen auf ihren Augen und hörte sie sagen: „Es ist nichts. Es ist nichts. Es ist nichts.“ und in dieser Energie von Erschrockensein und der zarten Hand, so wie dieser Worte, entspannte sich alles in dem tiefen Wissen, dass das was Ma Hannchen sagte, wahr ist, ohne es verstehen zu müssen, und dennoch war da ein tiefes mitfühlen mit dem, was bei Ma Hannchen war, ebenso wie bei der Frau auf den Gleisen.

Für den kleinen Körper, der immer schwächer wurde, vom vielen Hungern und so vielen un- oder schwer- verdaulichen Geschehnissen, war das wahrscheinlich zu viel. Er erkrankte an Lungen- und Bauchspeicheldrüsen- Tuberkulose.

Später, nach etwa einem Jahr Isolation in einem Krankenhaus, sie war etwa fünfeinhalb Jahre alt, geschah, während die Ärzte von ihr, als einem hoffnungslosen Fall sprachen, ein Losgelöstsein vom Körper - ein Gewahrsein mit Staunen darüber, dass alles vollkommen eins ist, durchlässig, ähnlich, wie im tiefen Wasser, das alles zu verbinden schien; ein Zustand von unbeschreiblicher Freiheit, tiefstem Frieden und Licht. - Als ein Arzt sich zu dem zarten Körper setzte und diesen behutsam in den Arm nahm, geschah ein bewusstes Zurückkehren in den Körper. Dieses Zurückkehren empfand sie nicht als ein „Ich bin zurückgekehrt“, denn es war kein Irgendwohingehen geschehen. Da war bewusstes Sehen, dass der Körper wie eine Hülle ist, nur scheinbar getrennt von Allem. -

Und dieses bewusste Sehen, - jetzt ist es schwer Worte zu finden, denn keines kann es wirklich ausdrücken, - begleitete sie stets - auch wenn es immer wieder wie überdeckt schien und fasst vergessen. Doch in einigen Situationen war es gegenwärtig, und sie konnte nicht anders - als lachen und singen, wo andere sie dann irritiert böse und entsetzt ansahen. Sie feierte - tanzte und sang in ihrem Zimmer, als die Mutter einer Schulfreundin im Haus gestorben war. So durfte sie erkennen, dass nicht jeder so sah und fühlte wie sie, dass jeder das Leben ganz anders sah. - Sie ist nichts besonderes, was ihr oft Ma Hannchen sagte, denn alles was erscheint, ist einzigartig - und diese Einzigartigkeit lädt ein zu feiern. 
                                                     °
..oder Gotteskind    und e
in anderer Text: Hallo Freunde

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